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"Eine Windböe peitscht so laut ums Haus, dass die Fensterläden scheppern. Micah stöhnt leise, bevor er sich auf die andere Seite dreht. Der Wind kann ihm nicht helfen. Niemand kann ihm mehr helfen."

Autorenlesung mit Selina Brecht vom 16.10.2025

 

Am 16.10.2025 verwandelte sich die Bücherei Ehningen in ein gemütliches Wohnzimmer für Leseinteressierte. Die 23-jährige Autorin Selina Brecht präsentierte einzelne Passagen aus ihrem Roman „Blind – Trust your heart“, der vergangenes Jahr im Weltenbaum Verlag erschienen ist. Dabei handelt es sich um einen Romance-Thrill, der die Geschichte einer Auftragskillerin erzählt, die sich in ihr Opfer Joshua verliebt. Der blinde Künstler verzaubert sie mit seiner sorglosen Art und bringt sie an ihre emotionalen Grenzen. 

Die Moderation übernahm Sara Ölschläger und hakte nach, wie „Blind“ entstanden ist. Neben luziden Träumen drehten sich die Gespräche auch um die Schwierigkeiten im Autorenleben, Druckkostenzuschussverlage, vor denen man sich in Acht nehmen muss und Zukunftspläne. Inhalte hierzu zeigt die Autorin auch regelmäßig auf ihrem Instagram Account s.brecht_autorin

Vor der Lesung konnten sich die Besucher auf die „Hauptperson“ in einer Kurzgeschichte bewerben, die im Anschluss an einzelne Buchpassagen gelesen wurde. Mit einer süffisant, komödianten Art erzählt sie von einem Mann, der einen Mittwochabend in einer Straßenbahn verbringt. Die Geschichte kann auf der Homepage der Autorin (https://autorin-s-brecht.jimdosite.com/) nachgelesen werden. 

Den Abschluss bildete ein Kahoot-Quiz mit Schätzfragen darüber, wie lange der Schreibprozess von Selina Brecht dauert oder auch wie viele Menschen ein Buch vollenden, die eins schreiben wollen. Dem Gewinner winkte ein Lesezeichen, das mit verschiedenen Fühlelementen ausgestattet war und so ein spürbares Erlebnis zauberte, das auch der blinde Künstler Joshua geschaffen haben könnte. 

Der schön gestaltete Büchertisch leerte sich und spannende Gespräche rundeten den gelungenen Abend ab. „Tolle Veranstaltung!“, kam die Rückmeldung aus dem Publikum. Die in Vielzahl zusätzlich benötigten Stühle bestätigten dies. 

Herzlichen Dank insbesondere an die Bücherei Ehningen für das Bereitstellen und Dekorieren des Raumes sowie alle Besucher, die den Abend unvergesslich gemacht haben. Autorenlesung mit Selina Brecht vom 16.10.2025 

Die Autorin Selina Brecht liest aus ihrem Buch Blind
Auf dem Büchertisch liegen mehrere Bücher mit dem Titel Blind

Was steht an?



Was war?


22. März 2026

Leipziger Buchmesse - Halle 3 Stand C401



06. Dezember 2025

Winterlesezauber - Buchmesse in Stuttgart Fellbach



16. Oktober 2025 um 19 Uhr

Lesung von "Blind" in der Bücherei in Ehningen


30. November 2024

Winterlesezauber - Buchmesse in Stuttgart Fellbach


24. Oktober 2024

Veröffentlichung Buch: Blind
im Weltenbaumverlag

August 2022

Besuch im Radio Wüste Welle Tübingen

16. Juli 2022 um 14:15 Uhr

Lesung im Rahmen der Vernissage der Kupferblau in der Shedhalle in Tübingen

Kurzgeschichte - Mittwochabend in der Straßenbahn 



Normalerweise ist die Straßenbahn voll.
Also nicht voll im Sinne einer Tüte Chips, die nach außen hin prall gefüllt
aussieht und sobald man sie öffnet in sich zusammenfällt.
Eher voll im Sinne einer Packung verschweißter Maronen, die sich so eng
aneinanderdrängen, dass es kaum mehr möglich ist sie auseinander zu
halten.
Heute Abend ist sie allerdings leer.
Ich stehe trotzdem und halte mich an einer der Stangen fest, deren
Lebensinhalt es ist, den Türöffner zu beheimaten. Nachdem ich das letzte Mal
von einer alten Dame als respektloser Repräsentant meiner Generation
bezeichnet wurde, traue ich mich nicht mehr auf die Sitzplätze. Recht hat sie
ja, ich kann auch stehen. Dennoch sehnen sich meine Beine danach, das
Gewicht meines Körpers an den Sitz abzugeben.
Aber ich bleibe standhaft.
Mein Blick wandert hinaus und sieht der Landschaft dabei zu, wie sie
abwechselnd verschwimmt und wieder aufklart. Die Dunkelheit durchdringt die
umliegenden Dörfer und nur vereinzelte Autoscheinwerfer erhellen die Wege
dazwischen.
Bei der nächsten Station steigt eine junge Frau ein. Sie trägt einen
rosafarbenen Hut und muss ungefähr in meinem Alter sein.
„Cooler Hut“, rutscht es mir raus.
Sie sieht mich schrägt von der an und zieht sich auf die andere Seite der
Straßenbahn zurück. „Ehrlich, cool!“, rufe ich ihr noch hinterher, hebe beide
Daumen und lächele sie an. Aber sie steckt nur ihre Kopfhörer in die Ohren
und ignoriert mich.
„War eh hässlich“, murmele ich und wende mich ab. Wie peinlich.
Die nächsten Minuten vergehen und die junge Frau steigt aus.

Langsam wünsche ich mir die Maronen um mich herum zurück. Es ist einsam
so allein in der Bahn. Als ob alle auf einem Geburtstag eingeladen wären und
nur ich von alldem nichts wüsste.
Glücklicherweise warten an der nächsten Haltestelle gleich drei Herren
mittleren Alters, die mir von nun an Gesellschaft leisten. Sie setzen sich hinter
mich in einen Vierer und beginnen, über ihren letzten Pokerabend zu
diskutieren.
Der eine behauptet, sie alle abgezogen zu haben. Was zunächst nur belächelt
wird, wird viel zu schnell bitterer Ernst. Irgendwann schreien sie herum, dass
sie einander Geld schulden. Ich spitze die Ohren, komme bei dem Gespräch
aber nicht ganz mit.
Der, der die anderen abgezogen haben soll, verlangt von ihnen nun mehrere
Hundert Euro – der Betrag ist nach oben offen und erhöht sich mit jedem
ausgetauschten Satz dramatisch. Irgendwann haben sie die tausend erreicht
und ihre Nerven verloren.
„Willst du dich boxen?“, schreit der Erste.
Ich überlege dazwischen zu treten, entscheide mich aber, dem Geschehen
seinen Lauf zu lassen. Ich muss ohnehin in wenigen Minuten aussteigen, um
den Zooladen zu erreichen, bevor er schließt. Dort kaufe ich mir eine Echse.
Ich brauche noch einen Namen. Bevor ich mir hierüber Gedanken machen
kann, entfaltet sich zwischen den Männern eine waschechte Prügelei.
Während sie sich gegenseitig die Nasen einschlagen, sieht mich eine ältere
Frau durch die Scheibe der Bahn an der nächsten Haltestelle an.
Warum ich nicht mitmache, scheint sie zu sagen. Ich sei doch auch ein Mann.
Notgedrungen schubse ich einen der Raufbolde ein Stück zur Seite.
Jetzt nickt sie zufrieden, im Gegensatz zu meinem Kontrahenten, der mir
einen heftigen Schlag auf die Nase gibt.
„Was soll das Jungchen?“, schreit er mich an.
Ich taumele zurück und zucke mit den Schultern.
Ehrlich gesagt, keine Ahnung.

Ich bin froh, dass der Zooladen an der nächsten Haltestelle schon auf mich
wartet. Kurz darauf haben sich die Männer ebenfalls beruhigt und plaudern
über ihre Arbeit. Einer ist erfolgreicher als der andere und Probleme scheint
keiner zu haben.
„Setz dich doch zu uns!“ Einer von ihnen nickt mir zu.
Ich komme dankend der Aufforderung nach und meine Beine atmen erleichtert
auf, als das Gewicht meines Oberkörpers auf den Sitz übergeht.
„Alles gut?“ Der Raufbold deutet auf meine Nase.
„Ja klar!“ Ich zucke mit den Schultern. „Das war doch nichts.“
Mein Gegenüber lacht und wischt sich mit einem Taschentuch das Blut von
der Wange.
„Hast du eine Idee, wie ich meine Echse benennen könnte?“, blubbert es aus
mir raus.
„Welche Echse?“
„Ich gehe mir gleich eine kaufen.“
„Was bist du für ein Larry?“ Sie lachen alle drei.
„Nenn sie Volker“, beantwortet doch einer meine Frage.
„Oder Larry“, werfe ich dazwischen.
Die Durchsage kündigt meine Station an. Ich stehe auf und nickte zur
Verabschiedung in die Runde.
Sobald ich aus dem Sichtfeld der Männer verschwunden bin, kippen meine
Schultern nach unten und eine kleine Träne sammelt sich in meinem Auge.
Ehrlich gesagt tut meine Nase ziemlich weh und bin nicht sicher, ob nicht
sogar etwas gebrochen ist. Mein Instinkt verleitet mich beinahe, meine Mutter
anzurufen. Aber da taucht schon der Zooladen vor mir auf. Also richte ich mich
wieder auf, wische die Träne weg und setze meine selbstbewusste Miene auf.
Ein Mann kennt keinen Schmerz, er ist schließlich ein Mann.